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Als die Gründungsväter mit dem Karate in Deutschland begannen, hatten sie nicht irgendwelche Verbandsstrukturen und offizielle Organisationen im Sinn, sondern lediglich das Erlernen des Karate - oder was sie darunter verstanden - und den Weg des Karate-Dô. Vom Selbstverständnis sahen sie sich als Karatekas und nicht als Sportler. Hätte es zur Debatte gestanden, die Mehrheit von ihnen hätte sich gegen die Teilnahme des Karate an den Olympischen Spielen ausgesprochen. Es waren Junge Menschen, welche z. B. vorher schon Judo betrieben hatten, in irgendwelchen Pfadfindermagazinen von Karate hörten oder durch Zufall eine Person kennenlernten, welche selbst zufällig gerade zum Karate gekommen war. Von der Altersstruktur waren es Auszubildende und Studenten.



Heute versteht der Deutsche Karate Verband e.V. (DKV) sich als das große Haus der Karateka in Deutschland und als deren offizieller Vertreter. Jede Stilrichtung oder Gruppierung kann Mitglied in dieser großen Gemeinschaft sein, sofern sie deren Statuten anerkennt und befolgt. Der DKV ist aufgrund seiner Entwicklung, seiner Mitgliederstärke und seiner Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund (DSB) im positiven Sinne ein Sportverband wie jeder andere geworden. Die damit verbundene Anerkennung von demokratischen Strukturen und Toleranz bedeutet, daß hier jedermann sein Karate betreiben kann, sofern er sich satzungskonform verhält. Dies bedeutet wiederum, daß der spirituell ausgerichtete Karateka neben dem Sport- oder Fitnesstreibenden Mitglied hier seine Heimat finden kann.




Wenn wir die Geschichte unseres Karate in Deutschland aufzeigen wollen, so muß darauf hingewiesen werden, daß es über viele Geschehnisse aus der Anfangszeit keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt und man auf die mündlichen Aussagen derer angewiesen ist, welche diese Zeit miterlebt und gestaltet haben. Dies bedeutet, daß viele Schilderungen und Ansichten, weshalb sich viele Dinge so und so entwickelten auf einer gewissen subjektiven Basis beruhen. Eine Aussage, daß die Eastern-Welle der Kung Fu-Filme, z. B. die des Schauspielers Bruce Lee, zu Beginn der 70er Jahre das beginnende Mitgliederwachstum in den Vereinen auslöste oder begünstigte, ist reine Spekulation. Es könnte so gewesen sein. Eine empirische Untersuchung hierüber gibt es nicht.

Jürgen Seydel  *12.09.1917

       Karate kommt über Frankreich nach Deutschland

Auf Initiative des französischen Karate-Pionier Henry D. Plée kam der japanische Karateinstruktor Hiroo MOCHIZUKI 1957 für ein Jahr an dessen Kampfsportschule nach Paris. 1958 folgte ihm Tetsuji MURAKAMI, welcher aus der gleichen Budô-Schule, dem Yoseikan mit Sitz in Shizuoka, stammte.



Jürgen Seydel im Budôkan Bad Homburg mit Ushiro-Geri


   Das Karate wurde von Jürgen Seydel im Herbst 1957 mit der Gründung des Budôkan Bad Homburg in Deutschland eingeführt. Da die Turnhalle nur einmal in der Woche zur Verfügung stand, fand das Training auch in den Gängen des Schulhauses auf Steinfliesen statt.
Jürgen Seydel hatte zuvor Jûdô praktiziert. In einer französischen Judôzeitschrift war er auf einen Karate-Sommerlehrgang in Südfrankreich mit Hiroo MOCHIZUKI aufmerksam geworden. Mit zwei weiteren Jûdôkas aus Bad Homburg nahm er an dem Lehrgang teil.

In einem Interview sagte Jürgen Seydel einmal: „Als ich mit dem Karate anfing, besaß ich ein Lehrbuch, das – wie ich später feststellen mußte – genauso unbrauchbar war, wie eine mittelalterliche Seekarte für die Admiralität der britischen Marine. Wir haben Fehler über Fehler gemacht, mußten nach jedem Lehrgang Streichungen und Verbesserungen vornehmen und erlebten eine Panne nach der anderen. Ich weiß seitdem, wie wichtig ein gutes Lehrbuch ist.“ Das Bild unten zeigt eine Seite aus dem Lehrbuch von Jürgen Seydel.




Innerhalb der kulturellen Tradition der Budôdisziplinen der Samurai und des Zen-Buddismus gab es kein Karate. Dementsprechend ist Karate auch kein Befolger dieser Tradition innerhalb deren Geschichte. Es leitet sich teilweise aus diesen Traditionen ab. Karate hat sich sehr viel später mit seinen verschiedenen Ausprägungen entwickelt. Das heißt, daß es im Karate nicht nur eine Tradition gibt und es somit es auch nicht das eine „traditionelle“ Karate gibt. Dies ist zu berücksichtigen, wenn wir das „traditionelle“ Karate im Kontext zum sportlichen und wettkampforientierten Karate betrachten.

Wenn wir von Karate-Dô oder von Karate als Kampfkunst sprechen, dann gilt hierfür auch eine geeignete Definition zu finden, welche von den Karatekas in der heutigen Gesellschaft auch praktiziert und vertreten werden kann. Wie wir weiter unten feststellen werden, beschränkt sich die Definition der Festlegung des Karate-Dô auf einen äußeren Rahmen.

Für mich bedeutet das Praktizieren von Karate eine Charakterschule, die frei von irgendwelchen Ideologien ist, bei dem es nur auf den Praktizierenden selbst ankommt. Welche Schlüsse, Lehren und Erfahrungen er letztendlich daraus zieht, ist ihm allein überlassen. Eine genaue Festlegung von Sinn und Zweck des Karate praktizieren bzw. eine Definition ist nicht möglich, würde eher dem Weg des Karateka schaden, da es ihn einengen würde. Hier liegt auch die Schwierigkeit für einen Karatelehrer, seinen Schüler auf den richtigen Weg zu führen, wobei die Anleitung für das Körperliche, sprich Karatetechnik, noch am einfachsten ist.

Also, auch im Karate Einheit von Körper und Geist, wobei das Geistige noch am ehesten durch Vorleben vermittelt werden kann. Was die Karateka untereinander verbindet, ist die körperliche Ausführung der Karatetechniken, die gemeinsam erlebten Erlebnisse und die mit den Jahren gewachsenen Freundschaften.




Ein Karate-Meister ist kein Heiliger oder Guru. Diese Ansprüche werden von einzelnen Schülern von außen hineinprojiziert bzw. von komplexbeladenen Trainern gefordert und praktiziert. Insgesamt wird das Karate beeinflußt durch die Menschen in der Gesellschaft, welche es praktizieren. Das heißt, die Bereitschaft zu lernen und zur Trainingsintensität, einschließlich der Art und Weise es zu definieren und auszulegen.

Die Neigung zur Introvertiertheit und Konsumorientierung, wie sie in unserer Gesellschaft häufig anzutreffen sind, hindern am eigentlichen Erlernen und Praktizieren des Karate. Man will zwar „perfektes“ Karate erlernen und praktizieren, ist aber letztendlich nicht bereit, konsequent den erforderlichen Aufwand und damit verbundene Einstellung zu erbringen.


 
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