Wohl jeder Karateka, der sich längere Zeit mit dem Karate beschäftigte, verspürte schon einmal den Wunsch nach Japan zu reisen, um dort im Mutterland des Karates in einem Dôjô zu trainieren. Im Karatetraining der Uni Mainz hatte ich Kaiji „Dashi“ Miyauchi kennen gelernt, der mich am Sonntag, den 23. März 1980, mit in seine Heimat nahm. Die Maschine der Japan Air Lines startete um 11:00 Uhr am Flughafen Frankfurt und über Hamburg und Anchorage/Alaska ging es noch Tokyo Narita Airport. Dort landete die Maschine montags um 17:30 Uhr Ortszeit. Die reine Flugzeit betrug 17 ¾ Stunden. In Alaska hatte man 2 ½ Stunden Aufenthalt. Am Flughafen holte uns sein Studienfreund Aritomi San ab. Bei der gegenseitigen Begrüßung sagte Nadashi beiläufig, dass er schon seit 7 Jahren nicht mehr in Japan war und er deshalb sehr beschäftigt wäre. Sein Freund Aritomi San würde sich von nun an um seinen Freund Jochen San kümmern. Aritomi San wohnte gemeinsam mit seiner Ehefrau in einem typischen japanischem Holzhaus. So verbrachte ich die erste Nacht stilecht in einem japanischen Holzhaus, die Schlafstätte im Wohnraum auf dem Boden zubereitet. Die dicke Bettdecke sah aus wie ein großer Kimono, den man mit der Innenseite auf sich legte. Man konnte sogar mit den Armen in die Ärmel schlüpfen. Das Haus hatte keine Heizung. Im Wohnraum stand in der Mitte ein kleiner Tisch. Darunter war ein Gasofen in den Boden eingelassen. Über die Tischplatte wurde eine Decke gebreitet. Jeder, der im Schneidersitz um den Tisch saß, nahm die Decke bis zur Hüfte. So war es von unten mollig warm, während man oben herum die Kälte im Raum spürte. Es dauert eine Weile, bis der Körper sich so erwärmt hatte.
Nur durch einen kleinen Garten getrennt stand auf der gegenüberliegenden Seite ein weiteres Holzhaus, in dem die Eltern meines Gastgebers wohnten. Dort frühstückten wir und ich aß zum ersten mal mit Stäbchen (Haschis). Es gab Misosuppe mit Seetang, Reis und gegrillten Fisch. Dazu wurde grüner Tee (immer ohne Zucker) gereicht. Der 80jährige Vater meines Gastgebers, Toyoo Aritomi, war begeistert, dass ein junger Deutscher nach Japan zum Karatetraining kam. Mit etwas Englisch und mit Hilfe eines Wörterbuches konnten wir uns ganz gut unterhalten. Ich musste mich unter anderem neben seinen 165 cm großen Sohn stellen und er nahm Maß. Die Deutschen hatte er sich größer als 170 cm vorgestellt. Ich konnte ihn dann aber beruhigen, dass es auch größere Exemplare in Deutschland gibt.
Als nächstes bekam ich im Zentrum von Tokyo in einer Wohnanlage eine 3-Zimmerwohnung besorgt: Shinjuku ku, Shinogawamachi 2, Edogawa Apart 7 – 2 (Tel. (03) – 260-6776. Die Miete kostete für die 5 Wochen meines Aufenthaltes umgerechnet 600 DM. Wem die Wohnungsknappheit und Mietpreise in Tokyo bekannt sind der weiß, was das bedeutet. Bei der Wohnungsübergabe durch den Hausmeister kam dann noch der erhobene Zeigefinger: keine Frauenbesuche! Ich antwortete mit einem langen Nöööh! Anschließend wurde ich einer Familie in der Nachbarschaft und dem Kioskbetreiber der Wohnanlage vorgestellt, welche nun ebenfalls auf mich aufpassten. Als nächstes gingen wir in ein kleines Restaurant an der Ecke. Vor jedem Restaurant sind die Speisen in einer Vitrine in Plastik dargestellt. Dashi erklärte mir die Speisen und stellte mich im Lokal den beiden weiblichen Bedienungen vor. Sooft ich später das Lokal besuchte und egal zu welcher Uhrzeit, morgens oder abends, es waren immer die beiden gleichen Bedienungen bei der Arbeit.
Von meinem neuen Domizil waren es 10 Minuten Fußweg zur U-Bahnstation Iidabashi. Hier besorgte Dashi mir einen Monatsfahrschein und fuhr mit mir die Fahrtstrecke zum Honbu-Dôjô ab. Noch heute weiß ich die Namen der S-Bahnstationen auswendig: Iidabashi, Ichigaya, Yotsuya, Shinanomachi, Sendagaya, Yoyogi (hier musste ich umsteigen), Harajuku, Shibuya und schließlich Ebisu.
Das Honbu-Dôjô der Japan Karate Association lag 2 Minuten von der S-Bahnstation entfernt in der 1. Etage eines Geschäftshauses. Über eine eiserne Außentreppe gelangte man zum Eingang des Dôjôs. Am Treppengeländer war ein großes Schild mit dem Schriftzug Japan Karate Association und der Tel.-Nr. angebracht. Über einen kleinen Flur kam man zur Rezeption, hinter der sich ein offener Bürobereich anschloss. Einige mir vom Gesicht her bekannte Instruktoren saßen dort über ihre Schreibtische gebückt und taten beschäftigt. Gegenüber der Rezeption befand sich ein kleiner Büro und Aufenthaltsraum, in dem man im Vorbeigehen, wenn die Tür zufällig geöffnet wurde, die Instruktoren rauchen sah. Gerade aus an der Rezeption vorbei ging es durch einen dunklen Vorraum in das eigentliche Dôjô. Links, nach dem man das Dôjô betreten hatte, befanden sich drei Reihen alter Kinositze für Zuschauer, die nach vorne zum Trainingsbereich mit einer Theke abschlossen. Zwischen Zuschauerbereich und Parkettboden war ein 4 Meter breiter Teppichboden. In diesem Bereich hielten wir uns immer vor Trainingsbeginn auf. Um zur Umkleidekabine zu gelangen, musste man über die Trainingsfläche zur Tür in der hinteren rechten Ecke gehen. In der Umkleide selbst hingen wie in einem Kaufhaus auf einem Verkaufsständer die Karategis der Mitglieder. Jetzt verstand ich, warum die Japaner auf ihren Karateanzügen ihre Namen aufsticken lassen.
Das Training dauerte 1 Stunde. Da die Gymnastik nur ca. 5 Minuten dauerte, manchmal auch etwas kürzer, empfahl es sich vor Trainingsbeginn selbst aufzuwärmen. Die Aufstellung erfolgte, angefangen von der Graduierung der Schwarzgurte, von links nach rechts. Nach dem Niederknien wurden die 5 Regeln des Gichin Funakoshi heruntergebetet. Trainingsinhalt waren die Grundschultechniken und -kombinationen, wie sie auch in den Prüfungsordnungen in Deutschland vorzufinden sind. Das Training wurde von einem Instruktor und einem Assistenten geleitet. Der Assistent beschränkte sich auf stummes korrigieren der Schüler und als Partner des Instruktors bei Demonstration der Techniken. Von der körperlichen Anstrengung her würde ich das Training als mäßig und locker bezeichnen. Schwerpunkt war den Schülern die Vermittlung der Techniken vom Ablauf her. Von Kampfgeist und Powertraining war da nichts zu verspüren. Zu diesem Zeitpunkt betrieb ich schon 9 Jahre Karate und empfand das Training als langweilig. Auch nach 30 Jahren im Rückblick erscheint mir dies so. Ich war sportlich total austrainiert und in unserem Training in Deutschland war mein Karategi nach 5 Minuten total durchgeschwitzt. Für einen Schüler, welcher die Basis, also die Grundschule des Karate erlernen will, war es ein sehr gutes Training. Es wurde viel erklärt usw.
Zu Beginn meiner ersten Trainingseinheit im HQ musste ich mich kurz vorstellen: Name, aus welchem Land usw. Danach hat mich während den gesamten 5 Wochen meines Gasttrainings, außer Gudrun, Wolfgang und Chandra, niemand mehr angesprochen. Es wurde sich viel verbeugt und ge-Uss-t (Kenner wissen was ich meine). Die Tonlautstärke im Gespräch war wie beim Besuch im Vatikan. Damals, als auch heute, fällt mir nur das Wort unterwürfig und Heuchelei ein. Hier wurde mir gelehrt, wie ich in meinem Karate-Dô nicht sein wollte. Auch heute noch gehe ich im Dôjô auf die Menschen zu, sehe ihnen in die Augen und behandle niemanden von oben herab. In der Morning Class von 06:00 bis 07:00 Uhr kam immer nur 1 Instruktor und ca. 4 bis 5 Schüler. Diese Trainingseinheit gibt es heute nicht mehr. In der Trainingseinheit von 10:30 bis 11:30 Uhr kamen durchschnittlich 12 bis 15 Schüler. In den Trainingseinheiten ab 18:00 Uhr waren es durchschnittlich zwischen 15 bis 20 Schüler. Gut ein drittel bis die hälfte der Studenten waren Ausländer. Geschäftsleute die in Japan lebten, Weltenbummler die ein paar Monate oder Jahre in Japan verbrachten oder Leute wie ich, die im Karate etwas dazu lernen wollten. Wenn ich heute ein Resümee ziehen sollte, was ich bezüglich Technik bei meinem ersten Japanaufenthalt gelernt habe, so ist das im Bezug der Karatetechniken der 70er Jahre in Deutschland zu sehen. In unserem Dôjô wurden die Fausttechniken von Anfang bis Ende unter voller Muskelanspannung durchgeführt. Wehrte der Partner diese Technik mit Age-uke ab, übte man von oben auf den abwehrenden Arm noch Druck aus.
Im Honbu-Dôjô war es strikt verboten Foto- oder Videoaufnahmen zu machen. Eines tagest überraschte mich der 80jährige Toyoo Aritomi San mit seinem Besuch während des Trainings. Er packte seine Fotoausrüstung aus und begann unbekümmert Fotoaufnahmen zu machen. Kein Instruktor wagte es ihn daran zu hindern. Ich denke, hier war es die japanische Kultur, die ihnen dies untersagte. Kein Japaner würde einem erheblich älteren Mann bei so einer Gelegenheit zurechtweisen. Es kam dann noch ein älterer Japaner aus dem Office zu Aritomi San und beide unterhielten sich freundschaftlich, wie ich mit den Augenwinkeln beobachten konnte. So kam es, dass ich ein paar Fotoaufnahmen vom Honbu-Dôjô und meinen Freunden habe.
Ich kann mich auch noch sehr gut die Trainingseinheit bei Masahiko Tanaka erinnern. Einen Oi-Tsuki mit dem rechten Arm konterte er mit Mae-Geri chudan ab. Anschließend wurde der tretende Fuß auf der Rückseite des Partners abgesetzt und mit der Ferse des linken Fuß im Chudanbereich eine Beinschere (Kanibasami) angesetzt. Der rechte Fuß hackte sich gleichzeitig mit seinem Spann unter dem rechten Knie des Partners ein. So wurde der Partner zu Fall gebracht und auf dem Boden liegend gab es noch einen Mawashi-Geri auf die Hals. Dies geschah alles im Bruchteil einer Sekunde. Wichtig bei dieser Übung ist, dass der Partner mit Oi-Tsuki entschlossen angreift. Anschließend durften wir die Technik mit unserem Partner üben. Es muss von außen schrecklich anzusehen gewesen sein. Die Gruppe war von ihrem Leistungsstand her gar nicht in der Lage die Übung annähernd zu können. Als vorletzte Übung mussten wir uns in langer Reihe in ca. 10 Meter Entfernung vor dem Sandsack aufstellen. Einzeln mit Anlauf mussten wir auf den Sandsack drauf zu laufen und mit einem Tsuki dagegen abschließen. Tanaka Sensei stand nur daneben und schüttelte nach jedem Tsuki mit dem Kopf. Als Abschlussübung machten wir Liegestütze bis zu abwinken. Tanaka Sensei ermunterte uns mit den Worten: Never give up! Der geneigte Leser möge sich seine eigene meinung bilden.
Im Honbu-Dôjô habe ich Wolfgang Weinhold und seine damalige Freundin Gudrun kennen gelernt. Beide waren 1979 nach Japan gekommen um hier Karate zu trainieren. Durch die beiden bekam ich schneller Einblicke und Verständnis für das Training im Honbu-Dôjô, als auch für die japanische Gesellschaft. Die beiden bestritten ihren Lebensunterhalt durch Übersetzertätigkeiten und Sprachunterricht. Wolfgang erzählte mir einmal, dass er beim dolmetschen, insbesondere wenn es um Geschäfte geht, oftmals etwas ganz anderes sagen muss, um den Geschäftsabschluss nicht zu gefährden. Ich habe Wolfgang immer nur in Japan getroffen und ihn 1986 dann aus den Augen verloren (Wolfgang, solltest Du diese Zeilen hier lesen, melde Dich mal!)
Ich nahm mir viel Zeit Tokyo zu erkunden. Mit dem S- und U-Bahnsystem kam ich gut zurecht. Wenn ich einen Passanten nach einer Station fragte, wurde ich oft zu dem entsprechenden Abfahrtsgleis geleitet. So schöne Kaufhäuser und Geschäfte wie 1980 in Tokyo, gab es zu dieser Zeit in Deutschland noch nicht. Die einzelnen Abteilungen in den Kaufhäusern waren selbständige Firmen. Überall an den Eingängen und Aufzügen standen Hostessen in Uniformen und begrüßten die Gäste. Die Verkäufer sind sehr freundlich und hilfsbereit, so wie wir es in Deutschland nicht kennen. Im Restaurant oder Cafe genügt ein Blick und schon kommt eine Bedienung und fragt nach dem Wunsch. In kleinen Restaurants konnte man sehr preisgünstig speisen. Die Gestaltung der Stadt, die Gebäude, Tempel, Fußgängerbrücken über Kreuzungen und alte Holzhäuser, ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Vieles empfand ich am Anfang als ein sehr hässliches Bild. Die jungen Frauen trugen überwiegend Faltenröcke und Seidenkniestrümpfe in allen Farben. Dazwischen immer wieder Schwärme von Schülern in ihren Schuluniformen. Auch Frauen im Kimono, welche zu irgendwelchen Festlichkeiten unterwegs waren, konnte man öfters sehen. Trotz vieler optischer Eindrücke, welche uns Europäer an das alte Japan erinnern, sollte man nicht verkennen, dass Japan ein modernes Industrieland ist, welches sich lediglich von einer anderen Kultur ableitet. Die Zeit der Samurai ist lange vorbei. Die Japaner sonnen sich zwar gerne im Zusammenhang mit den Samurai, ihr alltägliches Verhalten ähnelt aber eher einer bäuerlichen Kultur. Vom Karate hat der durchschnittliche Japaner keine Ahnung. Karatekas sind für den Japaner etwas suspekt und werden auch in Verbindung zu rechtsradikalen Parteien und zur Yakuza (Mafia) gesehen. Budôdisziplinen wie Kendô, Jûdô oder Aikidô haben ein besseres Ansehen als das Karate.
Bei meinem nächsten Besuch in Tokyo nahm mich Wolfgang mit in das Dôjô von Norihiko Iida Sensei in Yotsuya-Sanchome. Und genau hier im Hoso-Shi-Dôjô war es so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Iida Sensei ist von Beruf buddhistischer Mönch. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er durchlief 1967 den Instruktorkurs und war auf den Meisterschaften der JKA ein sehr erfolgreicher Kämpfer. Auf dem Areal des Hoso-Shi-Tempel ist auch das Dôjô angegliedert. Das Dôjô selbst befindet sich im 1. Obergeschoss. Im Erdgeschoss stehen aneinandergereiht 5 Makiwara. Im Hoso-Shi-Dôjô wurde Shotokan Karate und Kendô gelehrt. Dienstags, donnerstags und samstags, von 19:00 bis 20:00 Uhr waren wir dran. Das Training wurde meist von Iida Sensei selbst geleitet. Aber auch Imura Sensei, Yamamoto Sensei, Imamura Sensei, Hansagi Sensei und Ogura Sensei habe ich dort als Trainer erlebt. Das Training lief immer nach dem gleichen Schema ab: Grundschule - Kumite – Kata. Nur eines gleich vorweg. Es war nie langweilig. Nach kurzer Aufwärmung hieß es gleich: Hidari Gedan-barai, Gyaku-Tsuki/Age-uke. Es erfolgten dann 200 Techniken rechts und 200 Techniken links. Viele werden sich jetzt verwundert fragen, warum zuerst die Fausttechnik und dann die Blocktechnik erfolgt. Ganz einfach, damit die Fausttechnik nicht in der Endphase zu lange angespannt bleibt und die Technik verspannt. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass ich nach den ersten 50 Techniken schon ziemlich fertig war. Als ich dann bei den verbleibenden 150 Techniken nur noch auf Schnelligkeit und korrekte Ausführung achtete, stellte ich fest, das die Faust beim Tsuki in der Endphase automatisch arretierte und ich 200 Techniken mit gleicher Anstrengung durchführen konnte, wie zuvor 50 Techniken mit zuviel Anspannung in der Bewegungsphase. Ich denke, dass ich hier zum ersten Mal die Karatetechnik richtig verstanden hatte; nach 10 Jahren Karatetraining. Anschließend ging es mit Mae-Geri im Stand weiter; ebenfalls jeweils 200 Techniken. Da ich jetzt die Geschwindigkeit den Schwerpunkt ausmachte und nicht mehr die Anspannung, gingen die 200 Techniken locker voran.
Merke: „Der Sinn, mit einem Arm 200 Gyaku-Tsuki hintereinander zu stoßen liegt nicht in der Konditionierung der Muskeln, sondern in dem Erlernen, mit einem ökonomischen Einsatz an Muskelkraft viele Techniken von gleich bleibender Qualität durchzuführen und nur im kurzen Augenblick der Kime Waza anspannen zu können. Gleichzeitig wird durch den minimalen Kraftaufwand der Muskeln auf der Bewegungsbahn der Technik die Geschwindigkeit erhöht.“
Die Technikkombinationen in der Grundschule waren die gleichen wie im Prüfungsprogramm vom 3. Kyu bis 1. Dan. Anschließend kamen die Kumiteformen Gohon-Kumite, Kihon-Ippon-Kumite und Jiyu-Kumite an die Reihe. Hier war und ist noch immer ein Unterschied wie Tag und Nacht zu verzeichnen. Alle Techniken werden kämpferisch durchgeführt, dass heißt es wird versucht zu treffen. Jeder Kombination erfolgt einmal in langsamer Abfolge und dann mit Höchstgeschwindigkeit und Kampfgeist. Der Angreifer geht mit seinem Körper weit in den Raum des Verteidigers hinein. Bedingt dadurch, dass die Techniken auf den Bewegungsbahnen geblockt werden und nicht erst bei gestrecktem Arm, reicht ein leichter Touch des blockenden Armes aus, um den Angriffsarm aus der Bewegungsbahn abzuleiten und somit letztendlich den Angriff zu blocken. Eine Angriffstechnik abzuwehren hat mehr mit Ableiten als mit Abblocken zu tun.
Da das Dôjô nicht sehr groß war, stellten sich bei Gohon-Kumite fünf Schüler in Längsrichtung der Halle auf. Jeder konnte sich dann seinen Partner aussuchen, mit dem er die Übung durchführte. Nach einer Weile wurde gewechselt und es kamen fünf andere Schüler an die Reihe. Bei Kihon-Ippon-Kumite und Jiyu-Kumite stellten sich fünf Schüler in breiter Formation zur Halle auf. Auch jetzt konnte man sich seinen Übungspartner frei wählen. Vor allem konnte man sich so langsam an die Leistungsträger des Dôjôs heranarbeiten und auch so seine Ängste vor stärkeren Partnern überwinden. Vor allem die Abwehrtechniken waren total frei. Ob man in den Angriff hinein ging oder seitlich auswich, war absolut frei. In unseren heimischen Dôjôs reglementieren die Trainer ihre Schüler bei diesen Übungen zu viel und nehmen ihnen dadurch Kampfgeist und Kreativität. Die Techniken werden dadurch nicht wirklich frei. Auch die Einnahme der Distanz stimmte immer in Japan. In D erlebe ich immer wieder, dass ich, nach dem ich als Angreifer meine Position eingenommen habe, der Angreifer noch mal ein Stück zurückgleitet: dann brauch ich auch erst gar nicht mehr anzugreifen. In Japan war es ungeschriebenes Gesetz, wenn der Angreifer sich zu nahe positioniert, dass er mit Kizami-Tsuki des Verteidigers darauf aufmerksam gemacht wird. Ebenso, wer zu lange mit dem Angriff wartet, wird vom Verteidiger angegriffen. Auch dies ist in D nicht möglich, da unser Training in Diskussionsrunden ausarten würde. Auch heute noch wird m. E. bei uns auf den Bewegungsbahnen der Techniken zuviel Muskelmasse angespannt und dadurch die Techniken verlangsamt. Bei allem Kampfgeist im Training, habe ich es in Japan nie erlebt, dass jemand ernsthaft verletzt wurde.
Wenn ein neuer Schüler im Dôjô erschien, so bekam er in den ersten 4 Wochen im Einzelunterricht die Techniken vom Ablauf her gezeigt. Vor dem Training der Hauptgruppe unterrichtete ein einzelner Instruktor, wie z. B. Imura Sensei oder Yamamoto Sensei, diese Anfänger. Danach kam dieser Schüler direkt in die Hauptgruppe. Es machte keinen Unterschied z. B. im Gohon-Kumite, ob man von so einem Neuling oder einem älteren Schüler attackiert wurde: alle rasten dabei mit Höchstgeschwindigkeit auf einem zu. Von der Gürtelfarbe wurde nur weiß oder schwarz getragen. Nach durchschnittlich 2 ½ bis 3 Jahren erfolgt die Prüfung zum Shodan (1. Schwarzgurt). Mein persönliches Karate orientiert sich an dem Karate von Iida Sensei. Für mich ist es die stärkste Persönlichkeit, welche ich im Zusammenhang mit dem Karate kennen gelernt habe. Bei Iida Sensei wurde mir zum ersten mal im Leben klar, was das Wort Ausstrahlung bedeutet.
Das Hoso-Shi-Dôjô existiert heute nicht mehr. Wer dem Karate wegen nach Japan reist, dem würde ich raten, sich ein kleines Dôjô zu suchen. Dort ist es viel leichter Kontakt aufzunehmen und Freundschaften zu schließen. Mich persönlich würde vom Karate her heute Okinawa interessieren, da die dortigen Karatestile ursprünglicher sind.
Dieses Foto vom Fuji-San gelang mir bei dem Flug nach Ube!
Bei meinem ersten Japanaufenthalt hatte ich mich ausschließlich in Tokyo aufgehalten. Später habe ich mir dann auch die Zeit genommen, etwas vom Land zu sehen. Insbesondere landschaftlich hat mich Nippon immer wieder beeindruckt. Ob es jetzt in den Bergen war oder am Meer. Besonders bei einem Inlandsflug hatte ich großes Glück und wir hatten sehr klares Wetter. Während des gesamten Fluges nach Ube-Airport im Süden der Hauptinsel Honshu konnten wir die Landschaft unter uns sehen. Wir flogen so nahe am Fuji-San vorbei, dass ich mit meiner Pocketkamera das oben abgebildete Foto machen konnte. Anschließend haben wir die Stadt Hagi, welche in einer malerischen Bucht am Meer liegt, besucht. Vom Aufenthaltsraum des Hotels hatten wir die unten abgebildete Aussicht auf die Bucht.
Natürlich bin ich mittlerweile ein begeisterter Anhänger der japanischen Küche. Wer die japanische Küche kennt, versteht was ich meine. Es gibt nur eine Speise, mit der man mich jagen kann: Natto! Das sind vergorene Bohnen mit entsprechendem Geruch. Ob Sushi, Sashimi, Tempura oder Misosuppe, ich mag das alles. In Hotels und anderen größeren Unterkünften tragen die Hausgäste alle die gleich aus- sehenden Hauskleider. Ich fand das alles immer ganz lustig. In manchen Hotels gibt es dann abends noch ein Programm, bei dem dann auch reichlich der Sake und andere alkoholische Getränke fließen. Anschließend gibt es dann noch Karaoke. Ich will nicht alles schildern, was ich hier erlebt habe, aber es war schon ein hartes Programm.